Archiv für Oktober 2016

26. antifaschistischer & antirassistischer Ratschlag in Ilmenau

Aus dem Aufruf:

„Am 9. November 1938 zündeten Deutsche landesweit Synagogen und andere jüdische Einrichtungen an, verfolgten und ermordeten Jüdinnen und Juden. Seit den 90er Jahren organisieren wir um den Jahrestag dieser Ereignisse, die als Reichspogromnacht in die Geschichte eingingen, den antifaschistischen und antirassistischen Ratschlag, um uns aktuellen Formen des Menschenhasses zu stellen. Der antifaschistische und antirassistische Ratschlag will faschistische Tendenzen in ihren unterschiedlichsten Formen und Erscheinungen bekämpfen, die Aktiven zusammenbringen und vernetzen sowie Positionen und Strategien im Bereich des Antifaschismus und Antirassismus diskutieren. Dieses Jahr wird der Ratschlag am 4./5. November in Ilmenau stattfinden. (…)“

Wir beteiligen uns dieses Jahr mit zwei praxisbezogenen Workshops:

Gemeinsam mit der „Jugend gegen Rechts“ aus Jena:
Jugendorganisierung: Wie? Warum? Mit wem? – Eine Anstiftung zum Banden bilden [05.11 |Phase 1: 12.00 – 14.00 Uhr]

Uns gibt es haufenweise und in so gut wie jeder Stadt: Jugendliche, die keinen Bock auf Nazis und Rassismus haben. Aber viel zu selten kommen wir zusammen, um uns auszutauschen und selbst zu organisieren. Lasst uns das ändern! Wir glauben es braucht mehr offene und zugängliche Organisierungsplattformen für linke, antifaschistische Jugendliche. Anhand unserer Erfahrungen in Jena mit dem Bündnis „Jugend gegen Rechts“ wollen wir mit euch darüber ins Gespräch kommen. „If the kids are united“ und so.

Und zusammen mit dem Infoladen Sabotnik aus Erfurt:
Gemeinsam in die Offensive. Linksradikale Vernetzung in Thüringen [05.11. | Phase2: 15.30 – 17.30 Uhr]

Wir wollen ein gutes Leben für alle. Dabei stehen uns Klassen- und Geschlechterverhältnisse genauso im Weg wie Rassismus und Nationalismus. Diese Verhältnisse gilt es umzuwerfen – dafür wollen wir als Linksradikale in die Offensive kommen. Wo sind die Gruppen, die diese Ausrichtung teilen? Welche Themen wurden bisher vernachlässigt? Wir wollen uns austauschen, welche Inhalte, Strategien und Kämpfe wir derzeit verfolgen, um einer bedürfnisorientierten Gesellschaft näherzukommen. Perspektivisch wollen wir eine engere Zusammenarbeit linksradikaler Gruppen in Thüringen anstoßen.

Alle Infos zum restlichen Programm, die Liste der Unterstützer*innen und den gesamten Aufruf unter www.ratschlag-thueringen.de

STADT IN AUFRUHR – Hausbesetzung und Stadtrundgang wirbeln Jenas Innenstadt auf

Ein Selbstverwaltetes Zentrum für Alle!

Gestern war kein normaler Montag: Mitten in Jenas Innenstadt, wo für die Einen gerade die neue Arbeitswoche und die Anderen ein neues Semester angebrochen war, wurde am Nachmittag von zahlreichen Aktivist*innen ein leerstehendes Haus besetzt. In den Wänden der Carl-Zeiss-Straße 10 sollte ein selbstverwaltetes Zentrum entstehen und vor dem Haus schaffte eine Dauerkundgebung mit zeitweise über 100 Menschen und eine selbstorganisierte Info- und Infrastruktur eine Basis für gemeinsames Vorgehen und Aktionen. In den Morgenstunden wurden heute die verbliebenen Aktivist*innen, die sich noch vor oder im Haus befanden, von anrückenden Polizeikräften vertrieben und das Haus wieder verrammelt.

Der Traum vom in Jena seit Jahren schmerzlich vermissten Autonomen Zentrum, ist jedoch schon gestern geplatzt: Von Seiten der Hauseigentümerin – die Ernst-Abbe-Stiftung – wurde verlautet, man sei zwar grundsätzlich für Verhandlungen offen, jedoch nur solange das Haus bis zum Abend wieder verlassen werde. Außerdem wurde in den Gesprächen schnell deutlich, dass die Eigentümer*innen nur solange mitspielen würden, wie sich die Vorschläge zur zukünftigen Nutzung des Gebäudes im Koordinatensystem von Innovation bis Wissenschaft befänden. Unsere Aktivitäten sollten also vor allem den Stiftungsprinzipien Rechnung tragen. Soviel zum Thema Selbstverwaltung.

Wir lernen mal wieder eine für Jena typische Lektion: Was sich mit dem Image nicht vereinbaren lässt und was sich nicht entsprechend vermarkten lässt, bekommt in Jena keinen Raum. Unser gemeinsames Ziel, aus einem leerstehenden, vergammelnden Haus einen lebendigen Raum für politische Organisierung, ein selbstorganisierten Treffpunkt für gegenseitige Unterstützung und Solidarität, einen Ort der Schutz bietet vor rassistischer und sexistischer Übergriffigkeit im Alltag zu machen, ist eben nicht das Ziel von Stiftung oder Stadt.

Die erneut unter dem lokalen Besetzer*innen-Label „Wolja“ gelaufene Aktion in der Carl-Zeiss-Straße 10 reiht sich in die Besetzung vom 06. Dezember 2013 in der Neugasse 17, sowie jene vom 1. Juli 2014 in der Carl-Zeiss-Straße 11 ein, wo nur eine Tür weiter bereits vor über zwei Jahren versucht wurde durch autonome Raumaneignung ein selbstverwaltetes Zentrum zu erkämpfen. Auch nach diesem Scheitern wird die Geschichte von Hausbesetzungen “linksradikaler Vagabunde” (Wiebke Mühsal) in Jena hoffentlich weiter ihren Lauf nehmen. Die Suche nach neuen Mitstreiter*innen und Allianzen außerhalb der eigenen Milieu- und Szenegrenzen könnte dafür neue Perspektiven schaffen und vielleicht ein vielversprechender Neuanfang sein.

Eine Stadt für Alle!

Innerhalb weniger Tage ist die Hausbesetzung von Montag schon der zweite Riss im Alltagsleben auf Jenas Straßen: Bereits Samstag hatte der kritische Stadtrundgang im Rahmen der Alternativen Orientierungstage (ALOTA) auf seiner Route gut sichtbare Spuren hinterlassen und aufgezeigt, wo die selbsternannte „Lichtstadt“ Jena ihre Schatten wirft – nämlich überall dort, wo die Imparative von Wachstum und Profit verhallen und Menschen nicht ins City-Image von Unternehmertum und Wissenschaft passen.

„Stadt für Alle!“ ist deshalb nun in der Innenstadt auf Plakaten und Gehsteigen zu lesen und macht sowohl auf den mit der Hausbesetzung aufgegriffenen Mangel an selbstverwalteten Kulturräumen und politisch-sozialen Zentren aufmerksam, als auch auf die Situation von abschiebebedrohten und/oder wohnungslosen Geflüchteten, steigende Mietpreise und Verdrängung.

Geflüchtete, Geringverdiener*innen, politische und kulturelle Aktivist*innen – wir alle haben unterschiedliche Problem- und Lebenslagen, aber dennoch eines gemeinsam. Wir haben derzeit an dem Ort, an dem wir leben, in der Boomtown Jena, nichts zu melden und teilen damit das gemeinsame Interesse, der neoliberalen Stadtpolitik und -entwicklung, die nur sieht, was glänzt und sich verwerten lässt, etwas entgegenzusetzen: unser Recht auf Stadt und ein gutes Leben für Alle. Suchen wir also den Konflikt mit der Stadt und schaffen wir sie am Besten gleich neu, sowie gestern in der Carl-Zeiss-Straße und bald an jeder Ecke!

Zum Nach- und Weiterlesen:

- Indymedia-Artikel mit Hintergründen zur Aktion in der Carl-Zeiss-Straße und der Geschichte von Hausbesetzungen in Jena: Hausbesetzung jetzt – Wolja ist zurück!
- Der Aktionsticker zur Hausbesetzung: http://twitter.com/wolja_noblogs
- Mehr zu stadtpolitischem Aktivismus und der wohnungspolitischen Situation in Jena: Recht auf Stadt Jena
- Ein zwei Jahre alter, aber dennoch brandaktueller Redebeitrag von uns zur Freiraumproblematik in Jena und der Notwendigkeit zur Verknüpfung städtischer Kämpfe

We proudly present: ALOTA 2016 – Zwei Wochen Alternative Orientierungstage in Jena

Es ist wieder soweit: Das Programm der diesjährigen ALOTA klopft an die Tore der Uni Jena und voller Vorfreude sagen wir „Klar machen zum Entern!“. Die ersten Plakate hängen bereits in der Stadt, die Booklets sind frisch gedruckt eingetroffen und auch das CouchCafé, welches vom 10. – 14. Oktober im Campus-Foyer unser Infopoint und die zentrale Anlaufstelle sein wird, steht in den Startlöchern.

Egal ob ihr alteingesessen oder frisch in der Stadt eingetrudelt seid: Fühlt euch eingeladen, in den kommenden Wochen das widerspenstige Jena kennenzulernen, mit uns ein wenig von den ausgetrampelten Wegen abzukommen und gleich zu Beginn des Semesters das studentische Alltagsleben zu hinterfragen. Das geballte Programm der ALOTA ist der Keil, der das monoton ratternde Getriebe des universitären Normalbetriebs mal kurzzeitig lahmlegt und Räume schaffen soll zum Innehalten und Durchatmen, aber vor allem auch um anzuzweifeln, was uns als unveränderbar verkauft wird.

Mehr zu den Hintergründen, sowie alle Infos und Ankündigungen rund um das Programm findet ihr ab sofort auf alota.co.vu.